Der Nordschwarzwaldvertreter gewinnt beim Ü32-Viertelfinale in Bad Schussenried mit 2:1
Auswärtssieg, Polonaise – SV Baisingen träumt weiter
Was war denn da schon wieder los? Die Ü32 des SV Baisingen gewinnt ihr Viertelfinale beim SV Bad Schussenried mit 2:1 und steht damit tatsächlich im Halbfinale der Württembergischen Meisterschaft. Wieder einmal wird der vollbesetzte Fanbus zum Partybus. Und inzwischen stellt sich eigentlich nur noch eine Frage: Wie weit geht diese Reise noch?
Wieder ein Auswärtsspiel für die Ü32 des SV Baisingen. Wieder ein vollbesetzter Fanbus. Und wieder diese Zuversicht im Gepäck, dass alles, was jetzt noch kommt, ohnehin nur noch die Kirsche auf der Sahnetorte sein kann. Und was folgt? Nach der Ausfahrt Bad Schussenried dürfen die Baisinger tatsächlich wieder reisen. Wieder auswärts, wieder mit Fanbus. Diesmal heißt das Ziel Nellingen – und gespielt wird um den Einzug ins Finale der Ü32-Meisterschaft des Württembergischen Fußballverbandes. Der kleine SV Baisingen ist nach dem 2:1-Erfolg in Bad Schussenried nur noch einen Sieg vom WFV-Finale entfernt. Ja, richtig gelesen: Der Fußballbezirk Nordschwarzwald hat mit dem SV Baisingen einen Vertreter im Halbfinale des landesweiten Ü32-Wettbewerbs. Wann es das zuletzt gegeben hat? Das Archiv spricht dazu eine ziemlich deutliche Sprache: Vor neun Jahren war Baisingen schon mal im Halbfinale. Im Jahre 1987 wurde der TuS Ergenzingen sogar WFV-Meister.
Aber der Reihe nach. Nach dem 4:2-Achtelfinalerfolg in Flein zwei Wochen zuvor fuhren die Baisinger voller Erwartung, aber ohne wirklich erklärtes Ziel ins ferne Oberschwaben. Dort wartete mit dem SV Bad Schussenried ein Gegner, den Trainer Martin Vees als spielstark einschätzte – ohne so recht zu wissen, was tatsächlich auf seine
Mannschaft zukommen würde. Dass mit Alex Pfeffer ausgerechnet der beste Baisinger des Achtelfinals verletzt nur als Zuschauer dabei sein konnte, trübte die Hoffnung auf das nächste Kapitel des Ü32-Märchens ein wenig. Doch Vees hatte einen Plan. „Solange du hinten keins kriegst, bist du im Spiel“, gab er seinen Jungs mit auf den Weg. Und dann hatte
der Trainer noch einen taktischen Kniff parat, der sich als goldrichtig erweisen sollte: Er beorderte Christian Flack ins Abwehrzentrum. Um es vorwegzunehmen: Flack avancierte mit seiner ruhigen und abgeklärten, gelegentlich durchaus risikobehafteten Spielweise zu einem der entscheidenden Männer des Nachmittags. Und während Flack hinten die Dinge regelte, sorgte auf der anderen Seite Lars Schwikowski für die schnellen Momente. Der Baisinger Flügelflitzer stellte die Defensive der Gastgeber immer wieder vor Probleme. Nicht nur einmal war von den Bad Schussenriedern ein genervtes Stöhnen zu hören: „Der ist einfach zu schnell für uns.“
So auch in der 19. Minute. Schwikowski setzte sich durch und fand mit einem exzellenten Querpass Matthias Wollwinder, der zum 1:0 für den SVB einlochte. Dabei hätte Schwikowski zu diesem Zeitpunkt selbst längst treffen können. Zwei Riesendinger hatte er bereits auf dem eigenen Schlappen gehabt, später sollte auch noch ein Lattenknaller hinzukommen. Dass Bad Schussenried in der 25. Minute zum 1:1 ausgleichen konnte, war angesichts des Spielverlaufs allerdings nicht unverdient. Überhaupt muss man bei aller Baisinger Euphorie objektiv festhalten: Die Gastgeber hatten technisch wohl die besseren Einzelspieler. Baisingen aber hatte etwas anderes – eine erfahrene, geschlossene Mannschaft, in der keiner abfiel. Flack und Schwikowski ragten heraus, doch ansonsten brauchte es an diesem Tag gar keine Überflieger. Es brauchte elf Männer, die wussten, was sie zu tun hatten. Und wenn Bad Schussenried doch einmal gefährlich vor das Tor kam, stand dort immer noch Benny Müller. Der Baisinger Keeper blieb fehlerfrei und war zur Stelle, wenn er gebraucht wurde.
Die zweite Halbzeit war rund 20 Minuten alt, als sich unter den mitgereisten Fans langsam eine ganz andere Frage breitmachte: Was passiert eigentlich, wenn es unentschieden bleibt? Gleich Elfmeterschießen? Oder erst Verlängerung? Bei einem Punkt waren sich die Baisinger Anhänger ziemlich schnell einig: Verlängerung wäre jetzt eher ungünstig. Ob die Oldie-Truppe des SVB weitere 30 Minuten überstehen würde? Man wollte es lieber nicht herausfinden. Musste man auch nicht. Denn Lars Schwikowski hatte etwas dagegen. In der 64. Minute krönte er seine überragende Vorstellung. Als der Schussenrieder# Torhüter aus seinem Kasten eilte, war Schwikowski einen Tick schneller im Kopf – und lupfte den Ball über ihn hinweg zum 2:1 ins Tor. Danach begann das große Zittern. Fünf Minuten reguläre Spielzeit waren noch übrig. Dazu kamen vier Minuten Nachspielzeit. Neun Minuten können erstaunlich lang sein. Bad Schussenried drückte, Baisingen verteidigte – und trotzdem war der SVB dem 3:1 letztlich näher als die Gastgeber dem Ausgleich. Dann endlich: Schluss. Halbfinale!
Was anschließend passierte, dürfte mindestens genauso lange in Erinnerung bleiben wie die 80 Minuten zuvor. Nach spontan geköpften Siegesbieren erreichte die Stimmung auf der Heimfahrt ihren Höhepunkt. Dass auch die nächste Aufgabe beim TV Nellingen wieder auswärts stattfinden würde? Geschenkt. Wer in Bad Schussenried dabei war, will auch nach Nellingen. Ein zweiter Fanbus wurde vorsorglich schon einmal ins Spiel gebracht. Spieler und Fans sangen gemeinsam, „Auswärtssieg, Auswärtssieg“ hallte durch den Bus – und irgendwann schlängelte sich eine spontane Polonaise durch die Sitzreihen. Mit jedem Siegesbier wurde allerdings auch die geografische Orientierung etwas großzügiger ausgelegt. Denn irgendwann wusste offenbar niemand mehr so genau, wohin mit diesem Erfolg und all den Gefühlen. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, erklang es plötzlich aus den inzwischen bestens geölten Kehlen. Und wenn man gedanklich schon einmal in Berlin angekommen ist, kann Europa schließlich auch nicht mehr allzu weit entfernt sein. Also dauerte es nicht lange, bis das nächste Lied angestimmt wurde: „Europapokal, Europapokal …“ Aber wer will diesen Männern und ihren Fans momentan eigentlich noch erklären, wo diese Reise enden soll?
Fest steht zunächst nur das nächste Ziel: Am Samstag, 10. Oktober, reist der SV Baisingen zum TV Nellingen. Anpfiff auf den Fildern ist um 16 Uhr. Zwei Wochen später würde im Erfolgsfall tatsächlich das Endspiel warten. Ein Endspiel um die Württembergische Meisterschaft. Für den kleinen SV Baisingen. Noch vor wenigen Wochen hätte das vermutlich selbst im vollbesetzten Fanbus ziemlich verwegen geklungen. Inzwischen? Inzwischen steigt man wohl einfach wieder ein, köpft irgendwann das erste Bier – und schaut, wohin die Reise noch führt.
