Interview

Gesichter des Frauenfußballs: Evelyn Klumpp

Der 31. Oktober 1970 markiert einen Meilenstein in der Geschichte des deutschen Frauenfußballs – er wurde an diesem Tag vom Deutschen Fußball-Bund offiziell in die Satzung aufgenommen. Seitdem sind 50 Jahre vergangen. Fünf Jahrzehnte, in denen zahlreiche eindrucksvolle Persönlichkeiten dem Frauenfußball den Weg bereitet haben. Sie haben sich gegen Widerstände durchgesetzt, motiviert, gestaltet und inspiriert – damals wie heute. Zum Jubiläum rücken wir prägende Persönlichkeiten des Frauenfußballs in Württemberg in den Fokus.

Interview mit Evelyn Klumpp

In den 60er-Jahren entwickelte sich bei Evelyn Klumpp der Wunsch, Fußball zu spielen. Sie schnürte die Kickschuhe, als es Frauen noch offiziell verboten war, organisierte heimlich Spiele gegen andere Mannschaften und prägte den Frauenfußball beim VfL Sindelfingen und SV Böblingen nachhaltig. Saskia Schaborak, die aktuell ihr Frewilliges Soziales Jahr im wfv absolviert, hat sich auf ein Gespräch mit Evelyn Klumpp verabredet.2

Saskia Schaborak: Frau Klumpp, wie und wann sind Sie zum Fußball gekommen?

Evelyn Klumpp: In den 60er Jahren lebte ich in einem Heim und durfte damals das Länderspiel England gegen Deutschland in Wembley vor dem Fernseher ansehen. Ich wollte selbst unbedingt diese Emotionen, Gefühle und das Lebendige am Sport erleben, welche ich zu sehen bekommen habe. Allerdings war dies erst Jahre später unter erschwerten Bedingungen möglich, da es ja keinerlei Möglichkeiten gab als Mädchen Fußball zu spielen, außer auf der „Gasse“.

Saskia Schaborak: Erzählen Sie uns von Ihrer Zeit als Spielerin und Funktionärin.

Evelyn Klumpp: Ich spielte schon bei „Post Esslingen“ da war es offiziell noch verboten. Meine Stationen waren dann der VfL Sindelfingen, Kemnat, Schorndorf, Eintracht Stuttgart und dann wechselte ich wieder zurück nach Sindelfingen. Ich war noch selbst Spielerin, als ich die Abteilungsleitung des VfL übernommen habe. Der vorherige Abteilungsleiter zog sich aus seinem Einsatzgebiet zurück und es schien so, als wenn nun alles mühsam Aufgebaute zusammenbrechen würde. Wir nahmen das Ganze selbst in die Hand und ich wurde mit folgender Begründung Abteilungsleiterin: “Du hast die größte Klappe, also übernimmst du diese Position.”

Saskia Schaborak: Welche Widerstände und Probleme sind während dieser Zeit aufgetreten?

Evelyn Klumpp: Während dieser Zeiten waren unterschiedliche Probleme und Herausforderungen ein täglicher Kampf. Bevor es offiziell erlaubt war, organisierten wir damals heimlich Spiele mit anderen Mannschaften. Es gab keine Umkleidekabinen für Frauen und folglich zogen wir uns im Gebüsch um. Dieser lange Weg war auch andauernd von Vorurteilen und Anfeindungen begleitet, wie z.B.: “Frauen sollen lieber stricken und kochen; sie könnten keine Kinder mehr bekommen, wenn sie Fußball spielen” usw. Wir Frauen durften irgendwann nur bei schönem Wetter spielen, hatten eine kürzere Spielzeit und noch vieles mehr.

Saskia Schaborak: Wie nehmen Sie die Entwicklung des Frauenfußballs wahr?

Evelyn Klumpp: Die Entwicklung des Frauenfußballs ist durchaus positiv. Wir haben über die Jahre hinweg eine bessere Struktur aufgebaut und haben unter anderem dadurch mehr Klasse und Qualität für die einzelnen Spielerinnen erreicht. An der Spitze, also in der Frauennationalmannschaft, hat sich ebenso einiges verbessert. Durch die Erfolge der Nationalmannschaft gab es einen größeren Zulauf in den Vereinen.

Saskia Schaborak: Welche Erfolge sind Ihnen heute noch besonders wichtig?

Evelyn Klumpp: Grundsätzlich ist es sehr schwer, gezielt Erfolge zu nennen, da jeder auf seine eigene Art und Weise besonders ist. Es ist sehr schön, die Mädchen auf ihrem persönlichen und fußballerischen Weg begleiten zu dürfen. Insgesamt durfte ich über 1.000 Spielerinnen begleiten, darunter 22 Nationalspielerinnen. 2007 gründete ich in Böblingen die Mädchen- und Frauenfußballabteilung. Greta Stegemann kam als 5-jähriges Mädchen zum SV Böblingen, welche auch unsere erste Nationalspielerin wurde. Ivana Fuso ist ebenso in unserem Verein groß geworden und beide haben es in den professionellen Bereich des Frauenfußballs geschafft. Vor Ort bei Länderspielen von ehemaligen Spielerinnen zu sein ist schon etwas ganz Besonderes.

Saskia Schaborak: Was sind Ihre persönlichen Ziele und Wünsche für die weitere Entwicklung des Frauenfußballs?

Evelyn Klumpp: Ich wünsche mir für die Zukunft, dass die Vereine untereinander mehr zusammenarbeiten und sich gemeinsam an Projekten und Möglichkeiten beteiligen. Ich hoffe, dass der Mädchenfußball wieder an Zuwachs und Aufschwung gewinnt, wodurch sich dann wiederum der Frauenfußball an der Spitze verbessern kann. Vor allem jetzt in der aktuellen Lage der Corona-Pandemie müssen wir gestärkt aus dieser Krise kommen und an Konzepten weiter arbeiten, um den Frauenfußball weiterhin positiv zu bestärken.