Fußball und Gewaltprävention

Der wfv hat den grundsätzlichen Bedarf an Präventionsarbeit in Bezug auf Gewaltprävention schon vor einigen Jahren erkannt und auch entsprechend in seiner Satzung, seinen Ordnungen und Gremien verankert. Seit vielen Jahren verfolgt der wfv ein ganzheitliches Konzept, um Gewalt auf Sportplätzen entgegenzuwirken.

Der „primären Gewaltprävention“ zuzuordnen sind alle Maßnahmen, die im Allgemeinen vorbeugend gedacht sind, ohne bereits eine bestimmte Risikogruppe zu identifizieren. Angesprochen werden daher alle Personen. Im Fußball mit Kindern steht beispielsweise vor allem der Fair Play-Liga-Gedanke im Mittelpunkt. Ein ebensolches Beispiel ist die seit vielen Jahren im wfv praktizierte Meldepraxis von Fair Play-Aktionen („Fair-Play-Monatssieger“) über den Spielbericht und deren öffentliche Auszeichnung.

Gewaltpräventionsseminare - "Coolnesstraining"

Die „tertiäre Gewaltprävention“ wendet sich schließlich an die kleinste Zielgruppe, nämlich an diejenigen, die bereits als „Sraffällige“ sichtbar wurden. Ihr kommt eine große Bedeutung zu, weil Erfolge und Misserfolge sichtbarer und messbarer als bei den anderen Präventionsarten zu Tage treten. Dies liegt auch am hohen Ziel, den Ursachen für Gewalt einzelfallorientiert entgegenzuwirken und erneute Gewalttätigkeiten möglichst dauerhaft zu verhindern. § 23 unserer Rechts- und Verfahrensordnung erlaubt es, unter bestimmten Bedingungen, zusätzlich zu Sperr- oder Geldstrafen, auch anlassbezogen Weisungen auszusprechen – von der Entschuldigung bei einem Mitspieler über die Teilnahme an einem Mediationsverfahren bis hin zur Mitwirkung an einer Gewaltpräventionsmaßnahme. Je nach Abhängigkeit des Falls, kann es sich hierbei um einzelne Spieler, aber auch um ganze Mannschaften handeln.

Für solch eine anspruchsvolle Aufgabe benötigt es jedoch einiges an Expertise, weshalb sich der wfv – auch aus Erfahrungen in der Vergangenheit – um externe Unterstützung bemühte. Auch für diese Aufgabe konnte der renommierte Verein Zweikampfverhalten e.V. gewonnen werden. Im Mittelpunkt der Schulungsveranstaltungen, die mitunter auch als „Coolnesstraining“ bezeichnet werden, stehen die Schlagworte Respekt, Toleranz und faires Miteinander im Sport und im Alltag. Es geht also nicht um eine rückwärtsgewandte Fallaufarbeitung, sondern vielmehr um Hilfestellung und Anregungen, wie in der Zukunft respektvoll, fair und tolerant im Sport agiert werden kann, um Rückfälle möglichst zu vermeiden. Gearbeitet wird in diesem Rahmen viel mit Rollenspielen, die den Teilnehmern einen gewinnbringenden Perspektivenwechsel eröffnen.

Unter der Leitung von Rebekka Henrich, Gründerin von Zweikampfverhalten e.V., und ihrem Team fanden bereits über 100 Seminare mit mehr als 30 Mannschaften und über 700 Teilnehmern statt. Der wfv bedankt sich an dieser Stelle bei seinem verlässlichen Kooperationspartner und freut sich auf eine weiterhin intensive und erfolgreiche Zusammenarbeit.

Gerade die Teilnahme an einer Gewaltpräventionsmaßnahme hat sich in vielen Fällen als wirksames Mittel erwiesen, weil diese einen betroffenen Spieler dazu bewegt, Zeit zu investieren und über sich und sein Verhalten nachzudenken. Oft erzielt diese Maßnahme eine bessere, vor allem eine nachhaltigere Wirkung, als dies durch eine Sperre oder eine Geldstrafe erreicht werden könnte. Denn das „Coolnesstraining“ verlangt eigene Initiative, verlangt Auseinandersetzung mit dem eigenen Fehlverhalten und wirkt deshalb eindringlicher als die Bezahlung eines Geldbetrages oder das Fehlen bei einem oder mehreren Spielen der eigenen Mannschaft.

Ordnerschulungen zur Gewaltprävention auf Sportplätzen

Unter „sekundärer Gewaltprävention“ versteht man z.B. die Regelungen zur Gestellung von zwei durch Signalwesten gekennzeichneten Ordnungskräften bei Verbands- und Verbandspokalspielen der Herren. Diese Verpflichtung kann im Einzelfall auf Spiele der Reservemannschaften, der A- und B-Junioren sowie der Frauen ausgeweitet werden. In den vergangenen Jahren entwickelte der wfv seine Ordnerregelungen weiter. Der namentlichen Benennung der Ordner auf dem Spielberichtsbogen folgte ab der Spielzeit 2014/15 die zusätzliche Pflicht, sich kurz vor Spielbeginn in der Kabine des Schiedsrichters persönlich vorzustellen.

Die Wirksamkeit der Verpflichtung zur Gestellung von Ordnern setzt natürlich voraus, dass diese geschult werden, um ihren Aufgaben gerecht werden zu können, aber auch um die Grenzen ihrer Handlungsmöglichkeiten zu erkennen. Zum Maßnahmenpaket zählte deshalb auch die Fortsetzung der dezentralen Ordner-Schulungsreihe mit dem langjährigen wfv-Kooperationspartner Zweikampfverhalten e.V., unter Leitung von Rebekka Henrich – Neustart mit der Spielzeit 2017/18. Themen waren dabei Deeskalationsstrategien für Ordner, Konfliktminderungs- und Konfliktlösungsmöglichkeiten sowie anlassbezogene Kommunikation. In der Entwicklung stehen auch Deeskalationstrainings für Schiedsrichter.

Mit einem gewissen Stolz darf der wfv feststellen, dass die Gestellung von Ordnern beispielgebend für andere Landesverbände gewesen  und deshalb auch Bestandteil des DFB-Gewaltpräventionskonzepts „Fair ist mehr“ geworden ist.

Ansprechpartner

© wfv
Philipp Martens
Hauptamtlicher Verbandsmitarbeiter

Tel: 0711/22764-50

E-Mail: p.martens@wuerttfv.de

Studie zur Gewalt auf Fußballplätzen

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet der wfv mit dem Institut für Kriminologie der Universität Tübingen zusammen, um Gewaltvorfälle im württembergischen Amateurfußball aufzuarbeiten. Im Mittelpunkt stehen dabei umfangreiche Befragungen aller Schiedsrichter in den Jahren 2011/2012 und 2016/2017, die sich intensiv mit dem Sicherheitsgefühl und der Opferwerdung von Unparteiischen auseinandersetzen. Für 2021/2022 befindet sich die Fortführung der Erhebung im Fünf-Jahres-Rhythmus bereits in der Planung.

Daneben wird jährlich ein Gewalt-Monitoring erstellt. Dieses basiert – anders als das Lagebild des DFB – auf allen Sportgerichtsurteilen im Verbandsgebiet des wfv. Hierfür werden alle Aburteilungen des Verbands im Modul DFBnet Sportgerichtsbarkeit gesichtet. Relevant sind dabei insbesondere die Tatbestände „Tätlichkeit“ (§§ 83, 97 RVO), „Bedrohung“ (§ 84 RVO) und „Verursachen eines Spielabbruchs“ (§ 67 RVO). Für eine Einordnung des Gewaltaufkommens ist es erforderlich, die absoluten Zahlen in Relation zur Anzahl aller absolvierten Spiele zu setzen. Daher erfolgt die Darstellung der Gewaltbelastung anhand der Anzahl von Sportgerichtsverfahren je 10.000 Spiele.

Der § 83 RVO, der Tätlichkeiten auf dem Fußballplatz unter Strafe stellt, ist einer der besten Indikatoren für Gewalt im Fußballsport. In der Saison 2013/2014 gab es 71 solcher Verfahren pro 10.000 Spiele. In den Folgejahren nahm die relationale Belastung im Großen und Ganzen kontinuierlich ab; für 2017/2018 ließen sich nur noch 52 Verfahren je 10.000 Spiele feststellen. Diese erfreuliche Entwicklung kann als Indiz dafür gewertet werden, dass die vom wfv ergriffenen Gewaltpräventionsmaßnahmen Wirkung zeigen. In der vergangenen Spielzeit 2018/2019 stieg die Zahl allerdings wieder an (auf 59 je 10.000 Spiele). Derzeit wird geprüft, ob sich hierfür bestimmte Gründe ausmachen lassen, um gegebenenfalls gegensteuern zu können.

Des Weiteren lässt sich dem Schaubild entnehmen, dass diejenigen Sachverhalte, die unter § 84 RVO subsumiert werden, deutlich seltener auftreten. So gab es in den letzten Jahren durchschnittlich nur 6 Verfahren je 10.000 absolvierter Spiele, die eine Bedrohung zum Hauptgegenstand hatten. Verbale Gewalt, die tatsächlich drohenden Charakter hat, wird also – im Gegensatz zu einer Vielzahl von mündlichen Entgleisungen und Beleidigungen auf den Sportplätzen – nur selten an die Sportgerichte gemeldet. Die Zahlen bewegen sich daher auf einem sehr niedrigen Niveau. Ähnliches gilt auch für die Anzahl derjenigen Personen, die wegen Verschulden eines Spielabbruchs abgeurteilt wurden. Auch hier gibt es im Längsschnitt kaum Veränderungen: in den letzten Jahren kam der § 67 RVO zwischen 10 und 11 Verfahren je 10.000 Spiele zum Einsatz.

Im Gesamten bleibt festzuhalten, dass die Zahlen über die Jahre hinweg recht konstant sind. Da die Anzahl der Tätlichkeiten – insbesondere im Vergleich zur Saison 2013/2014 – rückläufig ist und diese Vergehen den größten Anteil von gewalttätigem Handeln darstellen, lässt sich insgesamt ein leichter Trend zur Abnahme von Gewalt auf den württembergischen Fußballplätzen konstatieren. Zugleich zeigt sich an den Fallzahlen aber auch, dass die Auseinandersetzung mit Gewaltvorfällen ein Dauerthema ist, dem sich der Verband intensiv widmet.